MIRAGE IIIS


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Mirage IIIS: Ein Abfangjäger der Superlative

Fata Morgana oder Wundererscheinung bedeutet Mirage, und tatsächlich sollte das EMD sein blaues Wunder mit der Mirage erleben: Eine Kreditüberschreitung von 66 %, die Reduktion von 100 auf 57 Maschinen, schliesslich die Entlassung des Fliegerchefs Etienne Primault. Dann aber das Wunder, zusammen mit den Franzosen über das beste Abfangflugzeug Europas zu verfügen! Vor allem aus Spargründen musste die IIIS-Flotte Ende 1999 ausser Dienst gestellt werden.
Ab 1956 werden auf der Suche nach einem Nachfolgeflugzeug für die Vampire ausländische Kampfflugzeuge getestet. Mit dem russischen Einmarsch in Ungarn ist der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt. Der Kommandant und Waffenchef der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen, Div Etienne Primault, hat die völlig ungenügende Ausrüstung der Schweiz mit Kampfflugzeugen1939 bei Kriegsausbruch selber miterlebt. Er will in dieser neuen bedrohlichen Situation das beste Material für seine Flugwaffe. Sie wird 1958 mit hundert englischen Hunter-Jägern verstärkt und soll zusätzlich mit einem Hochleistungsflugzeug ausgerüstet werden. 1959 legt die Arbeitsgruppe für Flugzeugbeschaffung ihren Bericht über die Erprobungen 1958/59 vor. Unter Leitung der Piloten Oberst i Gst Willy Frei und Maj i Gst Arthur Moll sind der schwedische Saab Draken, die amerikanischen Lockheed Starfighter und Grumman Supertiger (nicht identisch mit unserem Northrop Tiger), die französische Dassault Mirage III und der italienische Fiat G-91 geflogen und beurteilt worden.

Die Besten: Supertiger und Mirage III

Der Fiat G-91 erweist sich als dem schweizerischen Erdkampfflugzeug P-16 unterlegen, auf dessen Beschaffung im Vorjahr nach zwei aufsehenerregenden Abstürzen von Prototypen verzichtet wurde. Als bestes, aber zu teures Flugzeug wird der Supertiger eingestuft. Der Starfighter wird als nicht miliztauglich, ausserdem zu teuer erachtet. Der Saab Draken ist billiger, seine taktischen Eigenschaften und besonders sein Aktionsradius aber unbefriedigend.
Die Arbeitsgruppe beantragt dem Generalstabschef deshalb die Beschaffung der Mirage IIIC, die mit dem Supertiger fast gleichgezogen hat. Im Gegensatz zu diesem steht aber ihre Einführung in grosser Serie bei einer ausländischen Luftwaffe fest, bei der französischen Armée de l'air. Und optimistisch kommt die Arbeitsgruppe zum Schluss, «dass die Entwicklungsmöglichkeiten der Mirage IIIC gross genug sind, um ab initio eine Zweihunderter-Serie planen zu dürfen»!
Der Bundesrat entscheidet sich für die Mirage III und beantragt 1961 dem Parlament einen Kredit von 871 Mio. Fr. für die Beschaffung von 100 Maschinen. Die Räte stimmen zu. Für die Mirage, deren Zelle und Triebwerk in der Schweiz in Lizenz gebaut werden soll, sprechen die Leistungen, dann aber auch die Nähe zum Herstellerwerk, die identischen Masseinheiten und das Wegfallen von Übersetzungsproblemen, Vorteile, denen heute nicht mehr die gleiche Bedeutung zukommt.
Als erstes Exemplar wird 1962 eine französische Mirage IIIC gekauft, mit der Waffeneinsatzerprobungen in Cazaux/F und Holloman/USA stattfinden. 1964 folgen - ebenfalls aus Frankreich - zwei Doppelsitzer IIIBS für die Ausbildung und Schulung der zukünftigen Mirage-Piloten.

Massive Mehrkosten

Dann die böse Überraschung: Der Bundesrat beantragt 1964 einen Zusatzkredit von 576 Mio., was Mehrkosten von über 66 % bedeutet! Das EMD steckt in der «Mirage-Affäre». Die Kostenüberschreitungen erklären sich hauptsächlich durch den Einbau des amerikanischen «Taran» Feuerleit- und Navigationsradars, das wegen seiner Kompatibilität mit den vorgesehenen amerikanischen Luft-Luft-Lenkwaffen von Hughes gewählt wurde. Dazu kommen Aufklärungsausrüstung, Kurzstarthilfen und Ersatzteile, ausserdem die kostensteigernde Lizenzfabrikation. Bisher im Flugzeugbau verwendete Fertigungseinrichtungen erweisen sich für den neuen Superjet nämlich als ungenügend.

Köpferollen im EMD

Eine parlamentarische Untersuchungskommission unter dem damaligen Nationalrat Kurt Furgler wird eingesetzt und stellt fest: «Die Botschaft 1961 war zum Teil tendenziös, zum Teil unsorgfältig und an einzelnen Stellen geradezu irreführend abgefasst», räumt aber auch ein, dass «die Untersuchung in keinem Fall einen Anhaltspunkt für unehrenhafte Handlungen oder ein Streben nach persönlichen Vorteilen ergeben hat». Der Bericht führt zur Entlassung Div Etienne Primaults durch den Bundesrat. Der Generalstabschef Jakob Annasohn tritt freiwillig zurück, schliesslich auch Bundesrat Paul Chaudet. Eine spätere Beurteilung durch das Bundesgericht spricht Etienne Primault von persönlichem Verschulden frei. Seine Verdienste um die Konzeption der Luftraumverteidigung der 60er Jahre sind heute ebenso unbestritten wie die hervorragende Qualität des Flugzeugs, das ihm zum Verhängnis wurde.
Br Fritz Gerber, Direktor der Abteilung für Militärflugplätze, übernimmt interimistisch die Funktionen des Kdt und WafC FF Truppen. Das EMD wird reorganisiert. Die neu geschaffene «Gruppe für Rüstungsdienste» soll einen besseren Ablauf der Rüstungsbeschaffung gewährleisten, ausserdem wird die parlamentarische Kontrolle verstärkt. Der Nationalrat lehnt den Zusatzkredit ab und reduziert die Zahl der zu beschaffenden Maschinen von 100 auf 57. Einem unumgänglichen Zusatzkredit von 150 Mio. stimmt das Parlament 1965 aber doch noch zu.

Feuertaufe bei der israelischen Luftwaffe

Seine Bewährungsprobe besteht der Flugzeugtyp Mirage IIIC in den israelisch-arabischen Auseinandersetzungen 1963, 1964 und 1966. Die israelischen Mirage gehen siegreich aus Luftkämpfen gegen Mig-17 und Mig-21 der Ägypter und Syrer hervor. Zu Beginn des Sechstagekriegs 1967 schliesslich gelingt es den israelischen Angreifern, in einem Überraschungscoup fast die gesamte ägyptische Flotte von 440 Kriegsflugzeugen, darunter 130 topmoderne Mig-21, schon am Boden zu vernichten. Unter den 150 israelischen Maschinen sind 72 Interzeptoren Mirage. Diese nur dreistündige Operation am Morgen des 5. Juni ist entscheidend für den Ausgang des Waffengangs.
Nach dem von Frankreich gegen Israel verhängten Waffenembargo wird dort ein eigenes Nachfolgemuster entwickelt, der Kfir, der wiederum erfolgreich ist gegen die von den Sowjets neu an die arabischen Länder gelieferten Kampfflugzeuge. Für ihre Flugzeugindustrie verschaffen sich die Israelis illegal Triebwerkunterlagen bei Sulzer.

Die Mirage ist einsatzbereit

1964 ernennt der Bundesrat Eugen Studer zum neuen Kdt FF Trp. Das Gros der Mirage-Flotte, 36 Abfangjäger IIIS, wird in der Schweiz in Lizenz gebaut und gelangt ab 1966 zu den Fliegertruppen. Chef Einführung Mirage ist Oberst i Gst Arthur Moll, späterer Kdt FF Trp. Er leitet die Umschulungskurse für Fluglehrer und Piloten des Überwachungsgeschwaders, der Berufspiloteneinheit der Fliegertruppen.
1967 wird Hptm Fernand Carrel, diplomierter Ingenieur ETHL und Milizpilot, als Flugversuchsleiter zu den Fliegertruppen geholt. Die Arbeit mit der Mirage wird zur wichtigen Erstaufgabe des künftigen Kommandanten Luftwaffe. Er erarbeitet ihre operationellen Einsatzmethoden. Im Folgejahr wird Hptm Aridio Pellanda Kommandant der ersten Mirage-Staffel, der Fliegerstaffel 17 des Überwachungsgeschwaders.
In Payerne kann unter Leitung von Hptm Gion Bezzola ein Flugsimulator zur Ausbildung der Piloten in Betrieb genommen werden, der SIMIR. Jetzt werden auch JATO-Kurzstarthilfen (jet assisted take-off) eingeführt: Bis zu acht Feststoffraketen unter dem Flugzeugrumpf verkürzen die Startstrecke auf unter 300 m. So kann das Flugzeug von einem teilweise zerstörten Flugplatz evakuiert werden: 300 m intakte Piste sollten auch dann noch vorhanden sein. Zum kurzzeitigen Steigen und Beschleunigen in extremen Höhen um 20'000 m wird ein SEPR-Raketenmotor unter dem Rumpfheck mitgeführt. Aus dieser Höhe soll die Mirage hochfliegende feindliche Bomber angreifen und dann ihre zwei Lenkwaffen HM-55S Falcon einsetzen. Für den Luftkampf ist sie mit zwei 30-mm-Kanonen und zwei Sidewinder-Infrarotlenkwaffen ausgerüstet.

Fünf Mirage fliegen im Verband

1968 wird eine «Mirage-Kunstflugstaffel» mit Aridio Pellanda als Leader geschaffen. Mit ihren fünf Deltajägern hat der Verband zwei vielbeachtete Auftritte in Dübendorf und Genf. Die Flugwaffenführung entscheidet dann aber, die Mirage-Piloten und ihre Maschinen hätten voll der Luftverteidigung zur Verfügung zu stehen.
1969 ist die Beschaffung der Kampfflugzeuge Mirage IIIS abgeschlossen, 1970 jene der Aufklärerversion IIIRS. Die von den Räten bewilligten 57 Flugzeuge sind damit bei der Fliegertruppe. Abgesehen von den modernsten Apparaten der US Air Force Europe verfügen die Eidgenossen jetzt zusammen mit den Franzosen über den besten Abfangjäger Mitteleuropas. 1969 und 1971 kann je ein Doppelsitzer zugekauft werden, 1983 zwei weitere Schulflugzeuge B/DS.
1974 entgeht ein Viererverband des Überwachungsgeschwaders bei Payerne nur knapp einer Katastrophe: Eine Maschine streift im Flug den Boden auf 150 m Länge, zwei weitere rasieren Sträucher ab. Nach diesem Vorfall darf die teure und schnelle Mirage nur noch einzeln oder zu zweit im Tiefflug vorgeführt werden.

Ein zuverlässiges Flugzeug

Von den insgesamt beschafften 61 Mirage-Maschinen aller Versionen gehen von 1964-1999 deren zehn durch Absturz verloren; sieben davon sind IIIS. Drei Piloten und eine Drittperson werden dabei getötet. Unfallursache sind vor allem Pilotenfehler, aber auch Vogelkollision, Triebwerkausfall und Meteoeinfluss.
Wenn wir bedenken, dass die deutsche Luftwaffe während nur 30 Jahren von 917 etwa zeitgleich entwickelten und beschafften Starfighter deren 269 durch Absturz verloren hat, wobei 113 Piloten ihr Leben lassen mussten, so hat sich die Mirage als vergleichsweise sicheres und zuverlässiges Flugzeug erwiesen. Die Einschätzung der schweizerischen Erprober von 1959 aber, dass «die hohen Anforderungen an das fliegerische Können und die prekären Verhältnisse bei Notlandungen mit Triebwerkpannen» den Starfighter als ungeeignet erscheinen lassen, hat sich als richtig erwiesen. Desgleichen der Verzicht auf den Supertiger, der nie in Serienproduktion ging.

Lenkwaffentests in Vidsel - Überschallflüge ab Dec

1977 sind erstmals drei Mirage IIIS im schwedischen Vidsel für Schiessversuche mit Kriegsmunition und Luft-Luft- sowie Luft-Boden-Lenkwaffen im Einsatz. Erneut können 1981 Mirage- und neu auch Tiger-Kampfflugzeuge Kriegswaffen in Vidsel überprüfen und einsetzen, beim dritten Mal 1986 sind auch schweizerische Hunter dabei.
Überschallflüge unter 10'000 m/M sind über schweizerischem Territorium verboten. 24 Berufspiloten mit je sechs Mirage und Tiger können aber 1985 erstmals vom sardinischen Decimomannu aus Luftkampfübungen unter diesen Bedingungen über dem Meer durchführen; sie werden in den Folgejahren wiederholt. Die modernen Überwachungsanlagen auf Decimomannu erlauben eine lückenlose Auswertung der kontrollierten Luftkämpfe.

Kampfwertsteigerungen

Im Laufe ihrer langen Einsatzzeit wird die Mirage-Flotte kontinuierlich Modifikationen zur Erhöhung ihrer Kampfkraft unterzogen, wobei die Flugzeuge elektronische und aerodynamische Verbesserungen erfahren. Die auffallendste Veränderung des Flugzeugäusseren bringen die 1988 - 1992 zusätzlich angebrachten seitlichen Vorflügel (Canards). Sie verbessern die Wendigkeit im unteren Geschwindigkeitsbereich. Auch ein neuer Schleudersitz und Chaff-and-flare-Dispenser werden eingebaut. Gleichzeitig erhält die S-Flotte den bei den Zweisitzern schon vorhandenen Tarnanstrich in stumpfem Grau.

Der F/A-18 ersetzt die Mirage IIIS

Ende 1997 wird die erste F/A-18-Staffel operationell: Eine neue Generation von Abfangjägern ist damit einsatzfähig, ein Flugzeug, das den Gegner auf 100 km Distanz sieht und auf 30 km bekämpft, und zwar mehrere Ziele gleichzeitig. Beim Mirage sind es 30 km Sicht und 12 km Einsatzdistanz. Der Zwang zum Sparen und das Ende des Ost/West-Konflikts legen die Ausmusterung der über 30-jährigen Mirage-IIIS-Flotte nahe. Die Geschäftsleitung VBS beschliesst daher 1998, die noch vorhandenen 29 Mirage IIIS auf Ende 1999 ausser Dienst zu setzen. Jährlich können damit rund 11 Mio. Fr. Betriebskosten eingespart werden.
Weiterhin bleiben Mirage BS und RS im Dienst. Die Aufklärer müssen aber in nächster Zeit ersetzt werden, etwa durch zusätzliche für die Luftaufklärung ausgerüstete F/A-18-Maschinen. Etwa zehn Mirage IIIS aber werden in Flugzeugmuseen zu bewundern sein.


Quelle: Offizielle Website der Schweizer Luftwaffe


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